Die
Signale stehen auf Sturm, in Istanbul wird nicht gekleckert, da wird zugepackt,
und eines ist sicher. Die Metropole am Bosporus, die Stadt zwischen Orient und
Okzident wird ein beeindruckendes Feuerwerk
von Präsentationen bieten, um dem Titel einer europäischen
Kulturhauptstadt würdig zu sein. Da hat man schon Erfahrung, da wimmelt es nur
so von Chairmen und Direktoren. Man wird das Gefühl nicht los, die gesamte
Regierungsmannschaft, die Stadtverwaltung und alle Ämter seien nur noch mit
Europa beschäftigt, schaut man auf ihre Internetseite (www. istanbul2010.org).
Europa ist ein türkisches Thema, und jeder geht es in türkischer Manier auf
seine Art und Weise an.
Schaut man dahinter, dann
tun sich schwarze Löcher auf.
Da wiehert der
Amtsschimmel, und auch Istanbuls Bürgermeister antwortet auf kein Schreiben, das
in irgendeiner Form mit dem 2010 Projekt zu tun hat. „Es ist leider nichts bei
uns angekommen“, so heißt es mit bedauerlichem Unterton in der Stimme des 10.
oder 14. Adlaten, da weiß man von Vorzimmer zu Vorzimmer zu verweisen, jeder
gibt ein Statement ab, und keiner weiß nichts ...
Fragt man beim Büro
„Istanbul 2010“ im feudalen Office an der berühmten Istiklal Caddessi um den
Stand der Dinge nach, so ist alles in bester Ordnung, aber so fügt Mehmet
Gürkan, einer der vier(!) Generalsekretäre weinerlich hinzu, es gebe ja
unendlich viele Probleme, die aber alle auf dem besten Weg einer Lösung
seien.
Da wird es doch
interessant, einmal konkreter nachzufragen, wie es um einzelne Projekte steht.
„News from us“, das linkt der erste Button der Internetseite, der tiefe
Einblicke gestattet, direkt auf die Seite einer noblen Autoverleihfirma. Zufall
oder Missgeschick?
Schauen wir einmal in die
Projekte der visuellen Art, findet man einen Hinweis auf Künstler der
Partnerstädte, wo niemand genannt wird und auch kaum niemand ist so richtig
informiert, wie und wo was laufen soll. Und in der Folge aller Buttons sind
Ideen angerissen, vor allem ist Verantwortung delegiert, man darf gespannt
sein.
Man wird doch nicht etwa
davon ausgehen, dass in Zusammenarbeit mit der Istanbul Foundation for Culture
and Arts (IVKS) diese es schon richten mag!
Ein Blick auf die Oper im
Zentrum der Metropole
Wir schauen mit
trauerndem Blick seit Tagen auf das alte Gebäude, das verweist am Taxim-Platz
liegt, kein Arbeiter ist zu sehen, nichts regt sich, dabei ist die Oper bereits
vor einem halben Jahr ausgezogen. Es scheint, dass sich unsere
Insiderinformationen bestätigen, die da flüstern, man werde sich nicht einig,
was und wie eigentlich renoviert werden soll und wie letztendlich die Nutzu7ng
vonstatten gehen soll, ob man überhaupt wieder ein Opernhaus in der Mitte der
Metropole haben wolle, denn Oper sei nun mal nichts ausgesprochen Türkisches,
aber das sind Gerüchte. Wir wollen dem nachgehen
Also machen wir uns auf,
das Opernhaus zu suchen, das auf der asiatischen Seite der City gelegen ist, um
mit den Verantwortlichen zu versuchen, ein offenes Wort zu
sprechen.
Doch so einfach gestaltet
sich die Suche nicht. Wir fahren mit der umstrittenen, aber äußerst praktischen
neuen Drahtseilbahn hinunter an das Wasser, steigen in die erweiterte
Straßenbahn und fahren bis zur Schiffsanlegestelle, um nach Kadiköy in den
asiatischen Teil Istanbuls überzusetzen.
Alles hat vorzüglich
geklappt, doch jetzt beginnt unsere Odyssee. Wir fragen die zahlreichen
vorbeihastenden Passanten nach dem Süreyya Opernhaus. Man schaut uns ungläubig
an, und ganz in türkischer Manier gibt’s eine Ortsbeschreibung. (Darauf sollte
man sich besser nicht verlassen, denn auch wenn man den Weg nicht weiß, wird
bereitwillig und freundlich Auskunft gegeben) Nach sechs oder sieben
vergeblichen Anläufen versuchen wir‘s mit einem Taxifahrer, der unser Objekt der
Begierde leider auch nicht kennt. Der nächste bedeutet uns irgendwie den Berg
hinauf zu gehen, es sei ganz nahe und eine Taxifahrt lohne ohnedies
nicht.
Glücklich stapfen wir im
Regen nassen Winterwetter die Straße bergan. Zu unsicher erscheint uns die
Suche, so dass wir in zwei Läden nachfragen, die leider keine ortskundigen Angestellten haben.
Der letzte Versuch
endlich fruchtet, eine Bäckereiverkäuferin bedeutet uns, dem Straßenverlauf und
vor allem den Straßenbahnschien zu
folgen. Voller Vertrauen in die sicher klingende Auskunft der netten Türkin
machen wir uns auf und finden endlich nach 20minütgem Fußmarsch das Haus, das
uns freundlich hell angestrahlt empfängt.
Und da steht sie, unsere
liebenswürdige Pressesprecherin der Istanbul Oper, Esra Aysun, die sich soviel
Mühe im Vorfeld gegeben hat, uns mit dem laufenden Programm des Hauses vertraut
zu machen. Sogleich eilen zwei Herren herbei, wovon uns einer bekannt ist,
nämlich Suat Arikan, der uns als Verwaltungsdirektor und künstlerischer Leiter
vorgestellt wird, ein sicher nicht leichter Job für den Sänger, dessen Bariton
uns aus der Demiris Oper „Murat IV.“ noch in bester klangvoller Erinnerung ist.
Begleitet wird er von Niyazi Ölmez, der einen äußerst detaillierten Abriss über
das Opernhaus am Taxim 1960-2008 verfasst hat, gerade eben erschienen. Wir sind
begeistert. Zwei profunde Kenner und Liebhaber ihrer Arbeit und des Opernhauses.
Der Hausherr erläutert das Programm der laufenden Spielzeit, das arg geschmälert
versucht, den Ruf des Hauses national
und vor allem international hoch zu halten, ein fast unmögliches Unterfangen in
dem kleinen „Schatzkästchen“ , das der Bürgermeister des asiatischen
Istanbul-Stadtteils der Oper zur Verfügung gestellt hat, für den
Übergang.
Am Abend können wir uns
dann von dem überzeugen, was man aus einem ehemaligen Kino gemacht hat, um als
Weltstadt die Oper zu halten und zu präsentieren. La Traviata steht auf dem Programm,
inszeniert von Yekta Kara, der ehemaligen Intendantin und Regisseurin, deren
Inszenierungen auch in Deutschland anerkannt sind. Ein etwas unglücklicher Dirigent Peter
Valentovic muss im Orchestergraben überzeugen, der gerademal etwas mehr als 20
Musikern Platzangst verschafft. Evren Eksi überzeugt uns als Violetta, auch
Hüseyin Likos als Alfredo macht eine gute stimmliche Figur, das ganze Ensemble
agiert sehr engagiert im minimalistischen Umfeld der Kara-Inszenierung. Die
Regisseurin weiß, ihr westliches Know-how geschickt einzusetzen, und das
überwiegend türkische Publikum dankt es allen mit
Beifallsbekundungen.
Den nächsten Abend
erwarten wir mit Spannung ein Ballett-Medley, das Beyhan Murphy auf die Bretter
der kleinen Bühne zu stellen erarbeitet hat. Die Choreographin hat in Europa
einen guten Ruf, ihr Experiment, modernes Ballett nach Istanbul zu bringen,
wurde nicht goutiert . So verschwand die Könnerin ganz plötzlich vom Spielplan.
Dass sie wieder präsent ist, lässt uns hoffen. Und so werden unsere Erwartungen
erfüllt. Beyhan Murphy hat es geschafft, ein Kompositum mixtum
westlich-östlicher Interpretationen moderner Tanzdramaturgie an einem Abend zu
vereinen. Vom Harem Pas de deux zum volksinsiprierten Tanz um das Leben von
Frauen in der Türkei bis hin zu Mercan Dede’s retro-inspirierte contemporary
Turkish music schafft sie den Spagat zwischen gestern und heute hervorragend.
Wir wünschen der Chef-Choreographin den verdienten Erfolg, gerade, wenn es um die Erneuerung der Istanbul Oper
und Ballet bis zum Jahr 2010 geht.
Wir hoffen für alle, die
so engagiert mit dem Haus verbunden sind, dass Istanbul wieder ein
eigenständiges Opernhaus im Zentrum der Weltmetropole zum Jahr 2010 installiert
hat. Das wäre einer Kulturhauptstadt Europas würdig und darüber hinaus ein
Zeichen dafür, dass Europa für Istanbul nicht nur pekuniär clever gelenkte
Tourismus-Interessen beinhaltet.