|
Sagt man, dass man ihn liebt, dann impliziert das auch, dass man ihn begehrt.
Das ist zunächst einmal ganz harmlos, man streicht dem Geliebten eine Locke aus dem Gesicht oder küsst ihn auf die Wange. Jeder Körperkontakt ist elektrisierend, die Wange spürt den Kuss prickelnd nach.
Die Zärtlichkeit reicht das Staffelholz an die Leidenschaft weiter.
Die Natur weiß von Liebe nichts. Sie schert sich nicht um Romantik. Eisbärenväter verlassen Frau und Kinder nach der Geburt und schicken noch nicht einmal eine Ansichtskarte. Immer geht es der Natur nur um Arterhaltung, so kalt und rational, dass sie uns den Vorgang mit den allerschönsten Empfindungen schmackhaft zu machen sucht. Unterm Strich ist die Natur wie ein Fußballtrainer; vor allem Ergebnis orientiert.
Jede Berührung, jedes Streicheln ist eine wortlose Liebeserklärung, beredter und intensiver als es verbal möglich wäre.
Das heisst aber nicht, dass man andernfalls für Lust unempfänglich wäre. Im Gegenteil, selbst in der besten Beziehung ist nicht jeder Sex auch gleich ein dionysischer Rausch. Es gibt Quickies zur Lustbefriedigung, langsamer Sex, bei dem der Akt nur eine weitere Form des Streichelns ist, das Begehren, das gestillt werden muss wie Hunger und sogar der Sex, der stattfindet, weil grad nichts im Fernsehen kommt.
Dieses Begehren verlässt einen niemals, so wie man nicht aufhört Hunger zu empfinden. Es ist die Quelle, aus der sich der Seitensprung nährt.
Der Sex beim Seitensprung ist das Stillen eines Hungers oder ein Spiel.
Man genießt es, dass er frei von Verpflichtungen ist. Man lässt sich beim Seitensprung verwöhnen, stillt Bedürfnisse und lässt sich gehen. Wenn einem etwas nicht passt, kann man gehen und muss kein – oder nur wenig – Bedauern empfinden.
Mancher kann freier experimentieren und die eigenen Randbezirke der Lust ausloten, ohne Furcht vor Zurückweisung durch den Partner zu haben. Liebe haißt auch tolerant zu sein, aber nicht jede Liebe hält einen ausgewachsenen Schuhfestisch aus.
|